Ich sage es gleich vorweg, weil es viele Eltern entlastet: Dein Kind ist nicht willensschwach, wenn es das Handy nicht weglegen kann. Es kämpft gegen ein Gefühl, das einen eigenen Namen hat. FOMO. Das steht für „Fear of Missing Out“, also die Angst, etwas zu verpassen. Und das ist nicht bloß ein Modewort aus TikTok. Der Psychologe Andrew Przybylski und Kollegen haben 2013 einen der ersten Fragebögen dazu entwickelt. Sie beschreiben FOMO als anhaltende Sorge, dass andere gerade lohnende Erlebnisse haben, bei denen man selbst nicht dabei ist, verbunden mit dem Wunsch, ständig mitzubekommen, was die anderen tun (Studie auf Englisch).
FOMO ist das nagende Gefühl, dass gerade irgendwo etwas Wichtiges passiert, von dem man ausgeschlossen ist. Eine Party, in die Gruppe gepostete Insider, ein Trend, den am nächsten Tag alle kennen, nur man selbst nicht. Für Erwachsene ist das unangenehm. Für Jugendliche kann es sich viel größer anfühlen, und genau das wird oft unterschätzt.
Warum Jugendliche das oft so stark spüren
In der Jugend werden Gleichaltrige für viele immer wichtiger, oft wichtiger als die Familie. Dazugehören ist in diesem Alter keine nette Zugabe, es fühlt sich zentral an. Wer aus der Gruppe fällt, erlebt das oft als richtig schmerzhaft.
Und viele Apps verstärken dieses Gefühl. Eine Story verschwindet nach 24 Stunden. Ein Streak reißt ab, wenn man einen Tag aussetzt. Eine Gruppennachricht ist gelesen, bevor man antworten konnte. Solche Funktionen können leicht das Gefühl erzeugen, ständig dabei sein zu müssen. Wer offline geht, riskiert, raus zu sein. So fühlt es sich zumindest an.
Dazu kommt: Sich selbst zu bremsen, wenn gerade etwas Spannendes passiert, fällt Jugendlichen wie Erwachsenen schwer, besonders abends, wenn man müde ist. Das Aufhören ist deshalb oft schwieriger, als es von außen aussieht.
Dein Kind scrollt nicht nur, weil das Video so gut ist. Oft scrollt es, weil es Sorge hat, was ihm entgeht, wenn es aufhört.
Wie sich FOMO im Alltag zeigt
Kommt dir eines davon bekannt vor?
- Das Handy auf dem Tisch beim Essen: Nicht zum Benutzen, sondern damit ja keine Nachricht unbemerkt bleibt.
- Der ständige Kontroll-Blick: Alle paar Minuten ein kurzer Check, oft ohne dass etwas Neues da ist.
- Unruhe bei abgeschaltetem Handy: Schon der Gedanke, es länger wegzulegen, erzeugt Nervosität.
- Antworten in Sekunden: Nachrichten werden sofort beantwortet, auch mitten in Gesprächen oder beim Lernen.
- Schlechte Laune nach dem Scrollen: Dein Kind legt das Handy weg und ist gereizter als vorher, nicht entspannter.
Erkennst du mehrere davon wieder? Dann geht es vermutlich nicht nur um Unterhaltung, sondern auch um die Sorge, etwas zu verpassen. Und diese Sorge verschwindet nicht, nur weil eine App gesperrt ist.
Warum App-Limits allein oft nicht reichen
Die meisten Eltern probieren zuerst das Naheliegende. Bildschirmzeit begrenzen, Apps löschen, Handy ab 21 Uhr einsammeln. Das kann kurzfristig helfen, setzt aber nur am Verhalten an, nicht an dem Gefühl dahinter. Wenn ich einem Kind das Handy wegnehme, das aus dieser Sorge heraus scrollt, nehme ich ihm nicht die Sorge. Ich nehme ihm nur das Werkzeug, mit dem es sie kurz beruhigt. Die Sorge selbst bleibt, manchmal wird sie sogar größer.
Deshalb kommt die alte Gewohnheit oft zurück, sobald die Kontrolle nachlässt. Reine Willenskraft reicht im Alltag meist auch nicht aus, weil der Griff zum Handy oft automatisch passiert, bevor man bewusst entscheidet. Gegen eine eingeschliffene Gewohnheit nur mit Anstrengung anzukämpfen, ist mühsam und hält oft nicht lange.
Wie ich als Hypnose Coach ansetze
In meiner Arbeit gehe ich nicht gegen das Handy vor. Im Coaching schauen wir gemeinsam, welches Bedürfnis das ständige Checken eigentlich erfüllt. Oft ist es Sicherheit. Das Gefühl, dazuzugehören, nichts zu verpassen, nicht allein zu sein.
Wenn dieses Bedürfnis sichtbar wird, kann dein Kind andere Antworten darauf ausprobieren. In der Hypnose, einer angeleiteten Entspannungsübung, bei der dein Kind jederzeit ansprechbar bleibt, spielt es diese Momente im Kopf durch, wie beim Mentaltraining im Sport: eine Stunde offline, und es fühlt sich trotzdem gut an. Dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn eine Story unbeantwortet bleibt. Ziel ist, dass sich so ein Moment im Alltag vertrauter anfühlt. Darum geht es mir mehr als um die Sperre auf dem Bildschirm.
So ist auch mein 21-Tage-Programm aufgebaut. In der Startwoche wird die eigene Nutzung sichtbar, die vier Hypnose-Sitzungen dienen der Entspannung und dem Mentaltraining. Mit der täglichen Aufgabe im Klienten-Portal wird die neue Reaktion im Alltag geübt und nicht nur in der Sitzung. Mein Coaching ist keine Heilbehandlung und ersetzt keine.
Was du als Elternteil jetzt tun kannst
Der erste Schritt kostet nichts und ist trotzdem der wichtigste: Sprich das Gefühl an, nicht das Handy. Statt „Du bist schon wieder am Handy“ lieber „Hast du manchmal das Gefühl, du musst ständig schauen, ob etwas passiert?“. Diese eine Frage öffnet oft mehr als jede Diskussion über Bildschirmzeit.
Der zweite Schritt: genauer hinschauen statt raten. Wenn du dir unsicher bist, ob es schon eine feste Gewohnheit ist oder noch normales Verhalten, mach die Scorecard. Sie ist kostenlos, dauert zwei Minuten und gibt dir eine erste Orientierung, keine Diagnose.
Wirkt dein Kind über längere Zeit sehr unruhig, ängstlich oder niedergeschlagen, gehört das zu einer Ärztin, einer klinischen Psychologin oder einem Psychotherapeuten. Jugendliche können sich außerdem rund um die Uhr anonym und kostenlos an Rat auf Draht unter 147 wenden.
Und wenn du merkst, dass Reden allein nicht mehr reicht, dann lass uns 30 Minuten sprechen. Schreib mir kurz auf WhatsApp: Im kostenlosen Erstgespräch klären wir ohne Druck und ohne Verkaufsmasche, ob das, was ich mache, zu eurem Thema passt. Wenn ja, sage ich es. Wenn nicht, auch.